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Ruhrgebietsplattform: Mehr Bildung durch Frühförderung Drucken E-Mail

10 Jahre Gelsenkirchener Manifest

Ruhrgebietsplattform: Mehr Bildung durch      Frühförderung

Bald jährt sich zum zehnten Male die Verabschiedung des „Gelsenkirchener Manifest“
(2.2.2000) zur Kinder- und Bildungsarmut im Revier. Es wurde damals einmütig von den Ruhruntergliederungen der GEW initiiert und vom Landesverband unterstützt.
Alles drehte sich um die Frage: Welche Hilfen brauchen Kinder des Ruhrgebietes, die unter  benachteiligten und benachteiligenden Lebensbedingungen aufwachsen?
Seit 2006 ist die GEW–Arbeitsgruppe „ Masterplan  Bildung  Ruhrgebiet“ in  Kooperation mit den regionalen Untergliederungen erneut tätig.
Im August 2009 haben der DGB NRW mit der GEW NRW und Wohlfahrtsverbänden das Memorandum Kinderarmut  vorgelegt. Das 10-Punkte-Programm fordert eine präventive Ausrichtung der Kinder- und Jugendhilfe sowie des Bildungssystems.

Bekommen „arme“ Kinder inzwischen die notwendigen Hilfen?

Die Situation lässt sich aus heutiger Sicht wie folgt skizzierend zusammenfassen:

  • Die Zahl der Betroffenen – damals schon gravierend – ist im Verlauf der 10 Jahre stark angestiegen.
  • Es gibt Maßnahmen des Bundes und des Landes wie z.B. Offene Ganztagsschulen im Primarbereich, verpflichtende  vorschulische Sprachtests und –förderung, den Ausbau von Kindertagesstätten zu Familienzentren sowie Finanzhilfen für „arme“ Kinder zum jeweiligen Schuljahresbeginn.
  • Wissenschaft, Wirtschaft, Handwerk etc.fordern fast unisono mehr höherwertige Schul- und Studienabschlüsse; mal werden die Forderungen mit den demografischen Gegebenheiten, mal mit den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Erfordernissen begründet. – Das Steigerungspotential ist ausschließlich in den problematischen Sozialräumen unserer Kommunen zu finden.
  • In ihrer Grundsatzprogrammatik unterstreichen die Parteien inzwischen in weitgehender Übereinstimmung den Wert von Bildung im Allgemeinen sowie die Notwendig- und Sinnhaftigkeit von Frühförderung im Besonderen.


Als Fazit ergibt sich: Die Probleme sind im Gegensatz zum Jahre 2000 durchaus bekannt; sie werden von der Politik auch angegangen, jedoch nur zaghaft, zögerlich, zaudernd und ohne klares Konzept. Vor allem in sozial schwierigen Stadtquartieren greifen die Maßnahmen wegen Unterfinanzierung bei weitem zu kurz. Es fehlt der berühmte politische Gestaltungswille  - anders als kürzlich bei der Rettung der „systemrelevanten“ Banken. Die Überzeugung, dass die Zukunft eines erheblichen Anteils unserer Kinder eben auch systemrelevant ist, muss noch wachsen. Wenn die Politik aller Ebenen letztlich wie beschrieben agiert, müssen die zivilgesellschaftlichen Kräfte, selbstverständlich auch die GEW, entsprechend Druck aufbauen.

Welche Zielvorstellungen verfolgt die GEW im Ruhrgebiet?

Will man die Idee der Chancengleichheit auch für die Kinder aus problematischen Wohnquartieren und gleichzeitig die Zukunftsfähigkeit des Reviers ernsthaft vorantreiben, so ist über die o.g. Aktivitäten hinaus und neben den Bestrebungen nach Veränderung der Schulstruktur sowie dem Ausbau der Ganztagsschule für die GEW das Folgende unabdingbar:

  • Die prägenden Entwicklungsjahre zwischen 0 – 5 und zwischen 5 – 10 sind  - wenn nötig – präventiv und optimal zu nutzen. Es bedarf des Paradigmenwechsels, weil Prävention die oft zu späte und teure Krisenintervention vielfach überflüssig machen kann. Das sollte in Form einer Präventionskette geschehen.
  • Intensive Frühförderung verhindert bei einer Vielzahl von Kindern den Teufelskreis von Anregungsarmut, Motivationsverlust und Perspektivlosigkeit. Die Kompetenzen für schulisches Lernen werden entscheidend verbessert, die Zahl der Bildungsverlierer und Schulversager deutlich verringert.
  • Wir brauchen dringend ein regional abgestimmtes Konzept zur Frühförderung, das auf Vorhandenem aufbauend Transparenz, Transfer, Kooperation, Vernetzung und damit Synergien schafft. Nicht kleinteiliges Planen und Handeln bringt den Fortschritt, sondern Zusammenarbeit in der Metropolregion.


Was sind die anstehenden nächsten Schritte ?

  • Wir fordern das  neu zusammengesetzte Parlament des RVR auf, nun endlich für den Masterplan Bildung Ruhr Strukturen zu entwickeln, und  eine seriöse Regional - und Finanzplanung vorzunehmen.
  • Es gilt, Vorreiter unter den Kommunen des Reviers zu gewinnen bzw. zu bestärken, die nicht nur für sich den Bereich der Frühförderung systematisch vorantreiben, sondern die auch bewusst als Teil der ganzen Region agieren.
  • Die Abgeordneten des Ruhrgebietes, die auf Landes- und Bundesebene tätig sind, müssen deutlicher als bisher in die hiesigen Belange und Relevanzen eingebunden werden. Föderales Denken und Handeln darf nicht die Lösung drängender Probleme verzögern oder gar verhindern.
  • Über das bisher erreichte durchaus beträchtliche Maß hinaus sollten sich die zivilgesellschaftlichen Gruppierungen für die Thematik engagieren und gewissermaßen als Katalysatoren tätig sein.


Und die Frage der Ressourcen?

  • Der Paradigmenwechsel (mehr Prävention, weniger Intervention) kostet zunächst eine Menge Geld. Mittel- bis langfristig sind jedoch deutliche Einspareffekte zu erwarten.
  • Der Anfang kann mit Eigenmitteln des RVR, der Metropole Ruhr bzw. der einzelnen Kommunen gemacht werden. Es gilt, Ressourcen zu verlagern und optimiert einzusetzen.
  • In einem erweiterten Ansatz sind Mittel der anderen staatlichen Ebenen bzw. der europäischen Union einzuwerben, denn ein abgestimmtes Bildungs-, Finanzierungs- und Sozialstaatskonzept – welches uns unerlässlich erscheint – ist nur durch Zusammenarbeit aller drei staatlichen Ebenen im Hinblick auf Kinder- und Bildungsarmut zu erreichen.
  • Die Städte des Ruhrgebietes allein stecken hier mit über 15 Milliarden Schulden in einer Vergeblichkeitsfalle. Sie haben in der Regel einen hohen Sozial-belastungsindex. Wo das meiste Geld für Bildung und Betreuung gebraucht wird, fehlt es am allermeisten.
  • Die GEW fordert als Grundlage für eine umfassende Lösung im Bildungsbereich die Aufstockung der öffentlichen Finanzmittel von 4,8% auf zunächst 5,4% des Bruttoinlandsproduktes.


Das Ruhrgebiet – Modellregion für Bildung und Frühförderung – ist ein Ziel, für das voller Einsatz lohnt.