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Frühförderung in sozial gefährdeten Stadtteilen als präventive Sozial- und Beschäftigungspolitik
Dr. S. Stöbe-Blossey, Projektskizze „Förderkette 0 bis 10“ - Langfassung
Dr. S. Stöbe-Blossey, Projektskizze "Förderkette 0 bis 10"
(Zusammenfassung der Projektskizze „Förderkette 0 – 10“ vom 14.12.08; erstellt von Dr. Sybille Stöbe-Blossey, IAQ - Institut Arbeit und Qualifikation -, an der Universität Duisburg-Essen, For-schungsabteilung Bildung und Erziehung im Strukturwandel)
Ausgangslage
Einerseits droht für die Gesellschaft angesichts der demographischen Entwicklung ein Mangel an qualifizierten Arbeitskräften. Andererseits muss festgestellt werden, dass von einem wachsenden Anteil an Kindern auszugehen ist, die aufgrund ihrer Entwicklungsbedingungen als „bildungs-benachteiligt“ gelten müssen. Dass mangelnde Qualifizierung für das Individuum ein erhebliches Problem im Hinblick auf die Chancen zur Integration in den Arbeitsmarkt darstellt, ist ebenfalls seit langem bekannt. Da das Ruhrgebiet eine vom Strukturwandel in hohem Maße betroffene Region ist, stellen sich die angesprochenen Probleme hier mit besonderer Schärfe. Gleichzeitig – und gerade deswegen – ist das Ruhrgebiet als „Entwicklungslabor“ für die Lösung von Problemen des gesellschaftlichen Wandels zu betrachten.
Förderung von Kindern im frühkindlichen Alter besonders wirksam
In der wissenschaftlichen Fachdiskussion besteht inzwischen eine weitreichende Einigkeit darüber, dass das Bildungspotenzial am ehesten dann ausgeschöpft werden kann, wenn eine gezielte, früh einsetzende Förderung benachteiligter Gruppen durchgeführt wird – im Sinne einer „neuen Kompensatorik“, die „Ungleiches ungleich behandelt“, das heißt, bei besonderen Problemlagen auch zu besonderen Förderkonzepten greift. Die neue Kompensatorik setzt nicht in erster Linie auf MEHR, sondern auf BESSERE und ZIELGENAUERE Förderung. Zwar gibt es in der Forschung nach wie vor unterschiedliche Auffassungen darüber, inwieweit frühe Prägungen die weitere Entwicklung eines Kindes determinieren oder in welchem Maße Weichenstellungen später korrigiert werden können, und auch der Stellenwert des Einflusses von genetischen Bedingungen einerseits und von Umwelteinflüs-sen andererseits ist keineswegs geklärt. Eindeutig jedoch lässt sich aus den vorliegenden Forschungs-ergebnissen die Schlussfolgerung ziehen, dass Förderung im frühkindlichen Alter besonders wirksam ist und dass im Umkehrschluss diesbezügliche Defizite besonders gravierende Auswir-kungen haben.
„Soziale Frühwarnsysteme“ in Nordrhein-Westfalen und der Aufbau von Netz-werken für frühe Hilfen
Es geht nicht nur darum, akuter Kindeswohlgefährdung vorzubeugen, sondern durch die frühe Erkennung von riskanten Entwicklungen und die entsprechend frühe Bereitstellung von Hilfen für alle Kinder die Chancen für eine positive Entwicklung zu verbessern. Derartige Initiativen richten sich damit keineswegs nur an Familien in prekären Lebenslagen, sondern potenziell an alle Familien, und die Früherkennung von Hochbegabung kann ebenso dazu gehören wie die Früherkennung von Ent-wicklungsverzögerungen. Es geht also nicht darum, Familien zu stigmatisieren; vielmehr ist es das Ziel, Chancen für Kinder und Familien zu eröffnen. Soziale Frühwarnsysteme zielen darauf ab, dass Signale riskanter Entwicklungen frühzeitig erkannt werden und dass mit Hilfe einer strukturierten Handlungskette aus „Wahrnehmen – Warnen – Handeln“ eine frühzeitige, systematische und interdisziplinär angelegte Unterstützung der betroffenen Individuen und Familien erfolgt. Die Reichweite und der Erfolg einzelner Maßnahmen hängen deutlich vom Grad ihrer Einbindung in ein lokales Kooperationsnetzwerk ab.
Kosten und Nutzen früher Förderung
Vielfach dreht sich die politische Diskussion im Kreis, und die Verstärkung früher Förderung unterbleibt mit Blick auf die Kosten. Auf der Basis von Langzeituntersuchungen aus den USA lässt sich jedoch mittelfristig ein erheblicher volkswirtschaftlicher Nutzen früher Förderung nachweisen – und dass dieser Nutzen so hoch ist, dass er die Investitionskosten übersteigt.
„Förderkette 0-10“
Vor dem Hintergrund der dargestellten Ausgangslage kommt es darauf an, bildungsbenachteiligte Familien möglichst früh zu erreichen und für die Kinder eine kohärente Förderkette von der Geburt an bis zum Alter von etwa zehn Jahren bereitzustellen.
Ein solches Projekt muss zum einen Steuerungsstrukturen, zum anderen verschiedene Module von Leistungen enthalten (beispielsweise Screening nach der Geburt, Elternbegleitprogramme mit Hausbesuchen und persönlicher Beratung, qualitiatv erweiterte Ganztagsangebote in Kita und Grund-schule).
Initiative „Masterplan Bildung Ruhrgebiet“
Effizienz und Effektivität der Förderkette könnten gesteigert werden, wenn sie mit
geeigneten Informationssystemen verknüpft wird. Im Kontext der Initiative „Masterplan Bildung Ruhrgebiet“ (http://www.masterplan-bildung-ruhrgebiet.de hat sich auf Initiative der GEW (Gewerk-schaft Erziehung und Wissenschaft) eine Arbeitsgruppe gebildet, der Vertreter/innen der GEW, des IAQ (Institut Arbeit und Qualifikation an der Universität Duisburg-Essen), von ZEFIR (Zentrum für interdisziplinäre Regionalgebietsforschung, Bochum) und der Firma TNTC (TransNational Councelling Team, Oberhausen) angehören. Hier wurde eine Bildungsagentur Ruhrgebiet konzipiert, deren Aufgaben darin bestehen sollen,
• eine interaktive Datenbank aufzubauen, in der insbesondere Projekte zur
Frühförderung enthalten sind, so dass vor allem Kindertageseinrichtungen auf
Projektideen und dazu gehörende Handreichungen zur Umsetzung
zurückgreifen können;
• Kindertageseinrichtungen, Grundschulen und andere Institutionen der frühen
Bildung über Förderungsmöglichkeiten für Projekte zu beraten und sie bei
Antragstellungen zu unterstützen;
• Entscheidungsträger vor allem in Kommunalpolitik und -verwaltung sowie in
den Wohlfahrtsverbänden über die Gestaltung früher Förderung zu beraten;
• ein Bildungsmonitoring aufzubauen und in der Umsetzung zu begleiten, das
sowohl der zielgenauen Steuerung von Ressourcen als auch mittelfristig der
Evaluation der Konzepte dient.
Mit der Umsetzung des Konzepts einer solchen Bildungsagentur könnte in die Implementierung der Förderkette vor allem in der Anfangsphase erheblich unterstützt werden, da die vor Ort beteiligten Akteure inhaltliche Impulse erhalten würden. Das Bildungsmonitoring könnte mittelfristig als Grund-lage der Evaluation der Förderkette dienen. So wäre beispielsweise zu untersuchen, inwieweit sich nach einigen Jahren die Maßnahmen der Förderkette in den Ergebnissen der Schuleingangsuntersu-chungen niederschlagen. Mit Hilfe eines in einer Langzeitperspektive angelegten Bildungsmonitorings könnten auch die Grundlagen dafür geschaffen werden, volkswirtschaftliche Effekte früher Förderung in einigen Jahren genauer zu beziffern, als dies beim gegenwärtigen Stand der Forschung in Deutsch-land möglich ist.
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